Anatevka-Aufführungen !

von ANGELIKA BERTEN

Fotos von VOLKER SCHUMACHER

Man sagt ja immer, alle Schmerzen seien in dem Moment vergessen, wenn das Kind erst auf der Welt ist. Wenn nach der letzten Aufführung von Anatevka sowohl das Ensemble als auch der Regisseur noch kritische Worte finden, war es wohl eine schwere Geburt.

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Ungeachtet aller Schwierigkeiten hat sich der Literaturkurs quasi wieder einmal wieder „neu erfunden“. Mit der Wahl eines Musicals hat Christoph Günschmann eine weitere Komponente, den Gesang, in seine Aufführungen integriert. Das gesamte Ensemble hatte während der Proben mit einer Fülle von Widrigkeiten zu kämpfen und alle haben unendlich viel Energie in das Projekt gesteckt: Da waren  Krankheiten, Zwischenmenschliches, Schulwechsel…Den harten Weg merkte man den Aufführungen nicht mehr an!

Es war großartig!

Anatevka ist ein schwieriges Musical, denn es ist außerordentlich vielschichtig: Familie, Liebe, Freundschaft, Gesellschaft und Weltpolitik. Hinter der schlichten Fassade eines Vaters, der seine Töchter vorteilhaft verheiraten möchte, stecken nahezu alle Facetten des Lebens. Die Gratwanderung zwischen Lebensfreude und Schicksalsschlägen ist dabei der Kern der Darstellung. Groß wäre die Versuchung, hier in Klamauk oder Drama abzugleiten. Der Literaturkurs wählte den schwierigeren Weg und zeichnete die Figuren hintergründig und komplex.

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Allen voran muss hier natürlich Maximilian Archimowitz genannt werden, der den Tevje mit großer Sicherheit und Reife auf die Bühne brachte. In jedem Moment der langen Rolle merkte man, dass Maximilian genau an dem Platz ist, wo er sein möchte. Doch auch die anderen Rollen waren geschickt besetzt:

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Karla Thiele spielte wunderbar die resolute und liebende Mutter Golde, ein präsentes und passendes Gegenstück zu Max.

Sehr gelungen auch die Heiratsvermittlerin Yente, eine Rolle in der Gina di Lorenzo überzeugte. Yentes Währung sind Informationen und Gina spielte unterhaltsam die fröhliche Skrupellosigkeit, die nun einmal erforderlich ist, um an Informationen zu gelangen. Denn Yente meint es ja nur gut und hat einen mächtigen Verbündeten: die Tradition! (In der gleichen Rolle überzeugte auch Jana Geringer in der zweiten Aufführung).

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Tevjes Töchter aber gehen ihre eigenen Wege. Mira Knübben spielte sehr süß und sehr verliebt die Tzeitel. Lennart Freuen, kurzfristig eingesprungen in die Rolle Ihres Freundes Mottl, erwies sich als Glücksgriff für das Stück und das Lied vom Wunder der Liebe war einer der Höhepunkte des Abends.

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Sicher hätte auch Marino Lüppe, der ursprünglich vorgesehen war, seine Sache gut gemacht. Mindestens die weibliche Hälfte der Zuschauer begrüßte indes seinen Auftritt, denn Marino hatte auch optisch einiges zu bieten. Man munkelt, er habe an den Tagen nach den Aufführungen Muskelkater vom Anspannen der Bauchmuskulatur gehabt…Marino, es hat sich gelohnt!

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Ein schönes Paar auch Perchik und Hodel. Man glaubte Nikita Stockschläger den für seine Überzeugungen einstehenden Intellektuellen Perchik. Großartig auch Jana Geringer, die ihr Glück zunächst selbst in die Hände nehmen muss und Perchik beim Antrag auf die Sprünge hilft. Sie muss zu schnell erwachsen werden und folgt ihrem Verlobten nach Sibirien. Sehr anrührend dargestellt ist ihr Abschied vom Elternhaus. (Auch hier überzeugte Gina die Lorenzo bei der zweiten Aufführung mit ihrem zu Herzen gehenden Spiel und Singen !).

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Das dritte Paar, das sich findet, sind Chava und Fedja. Madina Cremerius und Luc Welters spielten es in ruhiger Würde. Eine schöne Variante zu den beiden anderen Paaren und eine stimmig gewählte Auslegung, denn die gemeinsame Liebe der beiden ist die Literatur. Ein zentraler Moment des Stückes ist der von Fedja gesagte Satz: „ Einige werden durch Gewalt vertrieben, andere durch Schweigen.“ Tevje wird hier der Spiegel vorgehalten. Plötzlich ist er nicht mehr nur Opfer von Ausgrenzung und Vertreibung, sondern grenzt selber aus.

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Die Tradition ist für das jüdische Volk von großer Bedeutung, denn in Jahrhunderten der Verfolgung ist die Tradition ihre eigentliche Heimat. Maximilian Archimowitz schaffte es, die Zerrissenheit eines Vaters darzustellen, der sein Kind verstößt. Bezaubernd sang Lara Meyer als Sprintze von seinen Gedanken über das Heranwachsen seiner Tochter Chava. Letztlich ist die Liebe zu seiner Chava doch stärker als das Wertegerüst der Tradition. Tevje segnet Chava und Fedja zum Abschied. Großes Kino, Maximilian!

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Aber Anatevka blieb keine One Man Show. Die Dorfbewohner waren weit mehr als nur Kulisse und bis ins Detail gut besetzt. Ein Kunstgriff von Günschmann, die „Kleinen“ Elena Sieben, Lara Meyer, Rahel Schrievers, Sarah Unger, Pirathina Paramananthan und Samar Hassen – Shackerchi auf die Bühne zu holen. Sie belebten die Szenerie ungemein.

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Von den „Großen“ sind noch Leonard Kuhlins als Nachum, Henrik Waßong als Awram, Leonard Schulte – Michels als Motchach, Fabian Busch als Mendel, Andrè Kamlage als Rabbi, Liam Lubos als Lazar und Satukan Sakthivadivel als Wachtmeister zu nennen. Sie erfüllten die Rollen mit Persönlichkeit und Charakter und die dörfliche Gemeinschaft mit Lebensfreude und Energie.

DSC00672.jpg-newGemeinsam gelang es dem Ensemble dann auch, den schwierigsten Teil von Anatevka darzustellen. Wir Zuschauer bedauerten am Ende nicht nur die Vertriebenen. Die Lebensgemeinschaft des Dorfes wird als eigener Wert dargestellt. Nicht nur die Bewohner, auch wir Zuschauer verlieren Anatevka. Dass wir das fühlten, ist die größte Leistung des Literaturkurses!

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Wer schaffte es eine inhomogene Gruppe von Heranwachsenden bis dahin zu führen? Es kann nur einen geben! Unter der Regie von Christoph Günschmann erwachte Anatevka zum Leben. Die routiniert und gelungen eingesetzten Techniken des Theaters seien darum hier nur am Rande erwähnt: Eingefrorene Szenenbilder, Hell – Dunkel Kontraste, Volle und puristische Bühnenbilder und Projektion.

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Bemerkenswert aber noch die Kulissen. Der Kunstkurs der Q1 unter der Leitung von Frau Dr. Boschenhoff hat regenbogenbunte Gemälde im Stil Chagalls geschaffen. Ein Brückenschlag zur jüdischen Kultur und zum „Fiddler on the roof“. Die farbenfrohen Bilder waren ein fantastischer Hintergrund für die monochromen Kostüme und passten sich den wechselnden Szenerien hervorragend an. Unter der raffinierten Beleuchtung wurden sie beinahe lebendig. Tag und Nacht; Sonne und Mond; Tiere, Menschen und der Geiger auf dem Dach. Das war schon selber Kunst und nicht nur Hintergrund.

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Anatevka ist ein Musical! Die Musik darf da nicht fehlen. Neben dem vielseitigen und virtuosen Klavierspiel von Christoph Günschmann hat auch das Schulorchester mitgewirkt und wieder einmal bewiesen, dass Rheindahlen durchaus inzwischen musikalisch bestens aufgestellt ist. Die unkonventionelle Besetzung mit kleinen und großen Musikern unterschiedlicher Professionalität konnte nur so gelingen, weil es Frau Neelsen – Schaffer gibt, die mit dem Orchester viele Stunden geprobt hat.

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Es soll hier einmal erwähnt werden, dass sie nahezu alle Stimmen in tage- und nächtelanger Arbeit seitenweise von Hand schrieb; passgenau – wie ein Handschuh – auf Instrument und Können des jeweiligen Musikers zugeschnitten. Man muss Musik schon sehr lieben, um so viel dafür zu tun. Zur Freude der Zuhörer, die Live Musik erleben durften und mit Evelyn Huang auch eine echte „Fiedlerin auf dem Dach“.

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Mehr als einmal duften die Beteiligten von den Zuschauern dann an den Abenden hören: „Was, schon so spät? Ich habe völlig die Zeit vergessen!“ Und das ist wohl das Schönste, was man über Theater sagen kann.

Stimmt’s? Natürlich stimmt’s!

 Es spielen, singen und tanzen: … in der Rolle der / des:

Leonard Kuhlins, Q1 Nachum

Henrik Waßong, 9a Awram

Leonard Schulte-Michels, Q1 Motschach

Karla Thiele, Q1 Golde

Mira Knübben, Q1 Tzeitel

Luc Welters, Q1 Fedja

Maximilian Archimowitz, Q1 Tevje

Fabian Busch, Q1 Mendel, Russe

Andrè Kamlage, Q1 Rabbi

Nikita Stockschläger, Q1 Perchik

Liam Lubos, Q1 Lazar

Madina Cremerius, Q1 Chava

Satukan Sakthivadivel, Q1 Wachtmeister

Jana Geringer, Q1 Hodel, Yente

Marino Lüppe, Q1 Mottl, Fruma-Sarah, Russe

Gina di Lorenzo, Q1 Yente, Hodel

Elena Sieben, 5c Sprintze

Lara Meyer, 5c Sprintze

Rahel Schriefers, 5c Bielke

Sarah Unger, 5c Sarah

Pirathina Paramananthan, 5c Bielke

Samar Hassen-Shackerchi, 5c Sarah

Lennart Freuen, 9a Mottl, Fruma-Sarah, Russe

LeiterInnen des Orchesters: Eva Maria Schaffer (Violoncello) und Christoph Günschmann

Orchestermitglieder:

Franziska Berten (Violoncello), Christoph Daniels (Klarinette),

Christopher von Hecken (Klarinette), Lavina Lütz (Altblockflöte),

Johannes Schaffer (Violoncello), Sebastian Schaffer (Schlagzeug),

Sarah Spengler (Querflöte), Evelyn Huang (Violine),

Sandra Beeck (Violoncello), Marie Weßeler (Violine).

„Hinter den Kulissen“ wirkten und halfen immer wieder mit:

Angelika Berten, Birgit Ingmanns, Karola Uher.

Große Kulissen: (Leitung) Sandra Boschenhoff und ihr Q1-Kunstkurs,

Simone Planker, Ernestine Melis

Bühnenrequisiten: Birgit Ingmanns, Anne Müller

Kostüme und Beratung: Karola Uher

Ton & Technik: Maik Kamerichs, Joshua Weris, Marcel Kamphausen,

Joscha Tuma, Serjoscha Carl

Tanzregie: Sophie Strobel